Es ist ein Bild von perfekter Schweizer Präzision und sauberem Alpin-Lifestyle: Die Laufschuhe der Marke On tragen stolz das Schweizerkreuz und den Schriftzug „Swiss Engineering“. Das Zürcher Unternehmen feiert rekordverdächtige Umsätze von über 3 Milliarden Franken und generiert für seine Gründer und Investoren immense Millionengewinne. Doch während die Entscheidungen, das geistige Eigentum und vor allem die satten Profite in der Schweiz bleiben, offenbart ein Blick hinter die Kulissen der Produktion in Indonesien eine unbequeme Wahrheit: das System des modernen Wirtschaftskolonialismus.
Eine aktuelle Recherche der NGO Public Eye beleuchtet am Beispiel der indonesischen Zulieferfabrik Yihong in der Region Cirebon (Java), wie das Geschäftsmodell des Schweizer Vorzeigeunternehmens auf der systematischen Ausbeutung billiger Arbeitskräfte im globalen Süden basiert.
Teure Schuhe, billige Löhne: Die ungleiche Wertschöpfung
In Indonesien lässt On rund zehn Prozent seiner weltweit vertriebenen Schuhe produzieren. Das Land lockt mit extrem niedrigen gesetzlichen Mindestlöhnen – in Regionen wie Cirebon liegen diese bei gerade einmal rund 130 Schweizer Franken im Monat. Das entspricht in etwa dem Preis eines einzigen Paares On-Schuhe im Schweizer Detailhandel.
Von den rund 200 Franken, die Konsumentinnen in Europa für einen On-Schuh bezahlen, landen lediglich 20 bis 25 Franken bei den Fabriken vor Ort, die das Material beschaffen und die Schuhe zusammensetzen. Den Löwenanteil der gigantischen Marge streicht das Unternehmen in der Schweiz ein. Das Design und das clevere Marketing werden in Zürich entwickelt, doch die harte, physische Arbeit – wie das manuelle Aufdrucken des Schriftzugs „Swiss Engineering“ – verrichten Arbeiter auf Java unter enormem Leistungsdruck und oft für Löhne, die kaum zum Überleben reichen.
Union Busting und die Flucht vor Gewerkschaften
Dass dieses System auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen wird, zeigt der Konflikt bei der Zulieferfabrik Yihong. Als Arbeiter dort Anfang 2025 eine Gewerkschaft gründeten, um gegen unbezahlte Überstunden, fehlende Arbeitsverträge und Schikanen vorzugehen, reagierte das Management mit drastischen Mitteln: „Union Busting“ par excellence.
Es folgten Massenentlassungen und eine gezielte Schmutzkampagne in den sozialen Medien, um die Gewerkschaftsmitglieder als wirtschaftsschädigende Unruhestifter darzustellen.
Nur dank einer zähen, monatelangen Kampagne der lokalen Gewerkschaft, unterstützt durch die von Public Eye mitgetragene Clean Clothes Campaign (CCC), konnten die Arbeiter im Frühjahr 2026 schrittweise wieder eingestellt werden. Ein seltener Teilsieg in einer Industrie, die sonst rigoros versucht, jegliche Organisation von Arbeitern im Keim zu ersticken.
Wirtschaftskolonialismus im 21. Jahrhundert
Das Vorgehen von On und anderen globalen Sportmarken trägt klare Züge eines modernen Wirtschaftskolonialismus:
Ressourcen- und Arbeitsausbeutung: Die physischen und ökologischen Lasten der Produktion werden in Schwellenländer ausgelagert. Wo früher die Landwirtschaft und Fischerei den Menschen in Cirebon eine Lebensgrundlage boten, stehen heute gigantische Fabrikkomplexe, die das Land dominieren.
Abhängigkeit und Erpressung: Die lokalen Gemeinschaften geraten in eine existenzielle Abhängigkeit von westlichen Grosskonzernen. Sobald Arbeiter*innen in einer Region anfangen, für existenzsichernde Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, drohen die Konzerne mit der Abwanderung. Die Produktion wird einfach weiter nach Osten verlagert – dorthin, wo die Löhne noch niedriger und Gewerkschaften noch nicht etabliert sind. Ein Teufelskreis, der die Regionen in permanenter Armut und politischer Ohnmacht hält.
Gewinnkonzentration im globalen Norden: Während die Arbeiter in Indonesien am Existenzminimum leben, fliessen die rasant wachsenden Gewinne direkt in die Schweiz zu den Gründern, dem Management und den finanzstarken Investoren.
On muss Verantwortung übernehmen
Die Masche, sich hinter komplexen Lieferketten und Subunternehmern zu verstecken, zieht heute nicht mehr. Auch wenn On die Schuhe nicht direkt in Fabriken wie Yihong zusammensetzen lässt, sondern bei Grosszulieferern wie Long Rich, so ist das Schweizer Unternehmen dennoch direkt für die Arbeitsbedingungen in der gesamten Kette verantwortlich.
Es ist an der Zeit, dass Schweizer Vorzeigeunternehmen wie On aufhören, den Kolonialismus des 21. Jahrhunderts fortzuschreiben. Wer mit Schweizer Werten wie Fairness, Präzision und Qualität wirbt, muss diese Werte auch dort einhalten, wo das eigentliche Produkt entsteht: an den Maschinen in Indonesien. Das bedeutet: Existenzsichernde Löhne garantieren, gewerkschaftliche Freiheit respektieren und die astronomischen Margen gerechter entlang der Wertschöpfungskette verteilen.
Hier geht’s zur Recherche von Public Eye

